Klaus Dierßen
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Kunst und Wahrnehmung – einige psychologische Anmerkungen zur Ausstellung der Arbeiten von Klaus Dierßen

Der Ausdruck 'Wahrnehmung' ist in seiner allgemeinen Verwendung genauso mehrdeutig wie der Begriff 'Kunst'. Um z.B. den Vorgang des Wahrnehmens vom Endergebnis dieses Prozesses besser unterscheiden zu können, spricht die Psychologie in der Wahrnehmungsforschung einmal vom Wahrnehmungsprozess und zum anderen vom Sinneserlebnis. Das Sinnerlebnis ist das Ergebnis des Prozesses des Wahrnehmens, das angereichet ist durch Denken und Gedächtnisinhalte und durch Verhaltenserfahrungen bewertet wird.

Auf einen zweiten Gesichtspunkt, der gerade bei der Kunstbetrachtung notwendig berücksichtigt werden muss, soll hingewiesen werden: Bereits aus der Auffassung, dass Wahrnehmung mehr ist als die Summe der Reize, dass u.a. Gedächtnisinhalte und Bewertungen das Sinneserlebnis mitbestimmen, ergibt sich, dass im Begriff 'Wahrnehmung'; nicht gemeint ist, dass das Wahre besessen wird, sondern dass es gewonnen werden soll. Wahrnehmung wird also als aktive Zugriff zum Geschehen, zum Gegenstand der Umwelt begriffen. Sie ist nicht aus auf das Erfassen von Wahrheit im erkenntnistheoretischen Sinn, sondern beschränkt sich darauf, ein Individuum in die Lage zu versetzen, auf Umweltereignisse angemessen reagieren zu können.

Der bildende Künstler, der Gegenstände, Vorgänge seiner Umwelt gestaltet, der sein Inneres ausdrückt, stellt Wahrgenommenes subjektiv interpretiert dar und bietet es zukünftigen Betrachtern an, die wiederum deutend und auslegend damit verfahren können.

Dies gilt auch für die hier vorgestellten Arbeiten von Klaus Dierßen, der mit der Fototechnik Partien der Umwelt einfängt und schon hier – selektiv vorgehend – gesehene und erlebte Wirklichkeit subjektiv gestaltet. In der intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung, die mit den Techniken der Radierung geleistet wird, gestaltet, interpretiert und reflektiert er Wahrgenommenes – Erlebtes. Naturbilder, Innenräume, Stadtmotive bieten Reizkonstellationen, die, ohne symbolisch überfrachtet zu sein, Spannung erzeugen und den Betrachter seinerseits zur Deutung herausfordern können. Die Natur wird nicht nachgeahmt, sondern individuell gestaltet. Die Bilder Dierßen's täuschen nicht vor, das Wahre zu besitzen, sie zeigen vielmehr den Prozess des Wahrnehmens.

Im Kunstwerk manifestiert sich der Prozess der Wahrnehmung und damit gemäß unserer Auffassung von Wahrnehmung die aktive Gestaltung seines Urhebers. Erschließen muss man sich das Kunstwerk ebenso aktiv, will man die Betrachtung von Kunst nicht zur faden Rezeption vorkommen lassen oder es bei der Reduktion auf das rein Formale einer künstlerischen Produktion beschränken.

Prof. Dr. Lüttge

 
Hildesheim 2019